{"id":1586,"date":"2023-04-01T20:16:44","date_gmt":"2023-04-01T20:16:44","guid":{"rendered":"https:\/\/murban-voices.mur.at\/?p=1586"},"modified":"2023-04-01T20:16:44","modified_gmt":"2023-04-01T20:16:44","slug":"alone-in-the-mountains-day-2-part-iii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/murban-voices.mur.at\/?p=1586","title":{"rendered":"Alone in the mountains &#8211; Day 2\/part III"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Von der Birnl\u00fccke zur Warnsdorferh\u00fctte <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der \u00dcbergang von der einen Welt in die andere ist immer schwer. \u00dcberzugehen bedeutet erinnern. Und die Erinnerung war es, wovor ich davon lief. 3.000 H\u00f6henmeter an einem Tag, 10 Stunden lang. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"1333\" src=\"https:\/\/murban-voices.mur.at\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/day2_2_7.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1581\" srcset=\"https:\/\/murban-voices.mur.at\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/day2_2_7.jpg 1000w, https:\/\/murban-voices.mur.at\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/day2_2_7-300x400.jpg 300w, https:\/\/murban-voices.mur.at\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/day2_2_7-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Pfingsten 2020&#8230;<br>Ich schlurfe rastlos durch meine Wohnung. Du hattest mir versprochen, f\u00fcr mich da zu sein, an meiner Seite zu stehen, das mit mir gemeinsam durchzustehen. Aber ich war allein. Ich war immer allein. Ich wusste nicht, wie es sich anf\u00fchlte, nicht allein zu sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Ultraschall hat nicht gut ausgesehen, es war zu klein. Ich wusste sofort: &#8222;Oje, da stimmt was nicht.&#8220; Aber die \u00c4rztin h\u00f6rte mir gar nicht zu, nahm sich keine Zeit, ich war ja nur Kassenpatientin. Sie schickte mich mit einem neuen Termin in 2 Wochen wieder weg. 2 Wochen? 2 Wochen H\u00f6lle. Und st\u00e4ndig deine Worte in meinem Kopf, die mich nicht schlafen lie\u00dfen: &#8222;Du musst abtreiben. Du zerst\u00f6rst mein Leben, wenn du nicht abtreibst. Du bist egoistisch, wenn du nicht abtreibst. Wenn du das Kind beh\u00e4ltst, dann will ich nix damit zu tun haben, dann h\u00f6rst und siehst du niewieder was von mir! Das ist doch nur ein Haufen Schlamm da in dir drin, das ist kein Mensch, mach es weg!&#8220; <\/p>\n\n\n\n<p>Und dann hat es von selbst aufgeh\u00f6rt zu leben, aufgeh\u00f6rt zu wachsen, wollte nicht mehr. So als h\u00e4tte es deine Worte geh\u00f6rt. Meine Zweifel und meine Verzweiflung gesp\u00fcrt. So h\u00e4tte das alles nicht ablaufen sollen. So h\u00e4tte das alles nicht sein sollen. Ich h\u00e4tte es dir nie sagen sollen, es allein durchziehen. Ich konnte allein sein. Ich war immer schon allein, mein ganzes Leben lang. Ich h\u00e4tte f\u00fcr das Leben in mir k\u00e4mpfen sollen, f\u00fcr dieses kleine, unschuldige Leben, das pl\u00f6tzlich nicht mehr weiter wachsen wollte. Du hast es umgebracht dieses Leben, mit dem Todesurteil das du mir an den Kopf geballert hast. Und ich hab es auch umgebracht, weil ich nicht stark genug war, um dir den Mittelfinger zu zeigen und dem Arschloch das du bist, den R\u00fccken zu kehren. Und jetzt lief ich hier \u00fcber 3.000 H\u00f6henmeter \u00fcber Stock und Stein, alleine, die Schuld auf meinen Schultern, das gebrochene Mutterherz zwischen meinen Rippen, dem Himmel nahe nach deiner kleinen Seele greifen, die mir entflogen ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Kein Herzschlag. Missed Abort. Sie geben mir die Tabletten. Zuerst Mifegyne und dann Cytotec. Ich lief auf und ab in meiner Wohnung, auf und ab. Begann alles umzur\u00e4umen, Regalinhalte auf dem Boden zu verteilen, M\u00f6bel umzuschieben, mich von alten Dingen zu trennen. Die Mifegyne musste ich schon im Krankenhaus schlucken, vor zwei Tagen. Jetzt sollte ich die Cytotec nehmen. Zum Wehen ausl\u00f6sen. Aber du warst nicht da. Ich war allein. Du hattest mir versprochen, mich nicht allein zu lassen. Aber jetzt tatest du so, als w\u00fcrde dich das alles \u00fcberhaupt nichts angehen, als w\u00e4rst du \u00fcberhaupt nicht daran beteiligt gewesen. Arsch! <\/p>\n\n\n\n<p>Dann nehm ich halt das Cytotec, es hilft ja doch nichts &#8230;  Machs gut kleines Baby. Danke, dass du bei mir warst, in mir warst, Teil von mir warst. Aber du lebst nicht mehr. Deshalb darfst du jetzt gehen. Mir bricht das Herz, aber ich lass dich gehen. Warten. <\/p>\n\n\n\n<p>Bald schon setzten die k\u00fcnstlich herbeigef\u00fchrten Wehen ein. Aber wo soll ich damit hin? Ich wollte es in Liebe schlafen legen irgendwo. Als  der Uterus beginnt, sich zusammenzukrampfen, setze ich mich bei jeder Wehe in die Badewanne. Sofa, Badewanne, Sofa, Badewanne, Sofa, Badewanne. Blut, das zwischen meinen Beinen Richtung Abfluss l\u00e4uft. Schmerzen. Unbeschreibliche Schmerzen. Aber nicht die Schmerzen der Geburt, an deren Ende ein neues Leben und Freude stehen. Nein. Schmerzen, an deren Ende nur der Tod und der Abschied stehen. Und keine Hoffnung auf neues Leben. Ich bin alleine. Ganz alleine. Und ich hab Angst. So schreckliche Angst. Nur meine Freundin Brigitte ist ab und zu da. \u00dcber Whatsapp. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich hab keine Ahnung wieviele Stunden vergingen. Netflix, Schmerzen, Kr\u00e4mpfe, Blut. Irgendwann warst du dann da. Plazenta, Dottersack, und das, was du warst. Ein winzig kleines Zellh\u00e4ufchen, das nicht mehr weiter leben wollte. Hi, du. Alles, alles, alles, tat so weh. Mein K\u00f6rper, mein Herz, alles. Ich hab dich in den leeren Becher von Bortollotti gelegt, den vom Nachmittag, in Taschent\u00fccher gewickelt, reingelegt, und dann hab ich dich tiefgek\u00fchlt. Solange solltest du dort schlafen, bis mir einfiel wo ich dich beerdigen soll. Und dann hab ich mich wieder aufs Sofa gelegt, mir einen Gin Tonic gemixt und einen Horrorfilm eingeschaltet. Ich konnte nichts mehr f\u00fchlen, wollte nichts mehr f\u00fchlen, einfach nur noch auf den Bildschirm starren und vergessen. Es hat wochenlang gedauert, bis ich in der Lage dazu war dir einen Schlafplatz zu suchen. Aber heute schl\u00e4fst du unter meinem Rosenstock am Balkon. Und ich warte, warte, warte, bis deine Seele irgendwann zu mir zur\u00fcck kommt. Bis deine Seele mir vergibt, dass ich nicht mehr f\u00fcr dich gek\u00e4mpft habe. Bis deine Seele wieder Vertrauen zu mir hat. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery columns-1 is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\"><ul class=\"blocks-gallery-grid\"><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/murban-voices.mur.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20200725_173322-1-1024x768.jpg\" alt=\"\" data-id=\"1592\" data-full-url=\"https:\/\/murban-voices.mur.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20200725_173322-1.jpg\" data-link=\"https:\/\/murban-voices.mur.at\/?attachment_id=1592\" class=\"wp-image-1592\" srcset=\"https:\/\/murban-voices.mur.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20200725_173322-1-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/murban-voices.mur.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20200725_173322-1-300x225.jpg 300w, https:\/\/murban-voices.mur.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20200725_173322-1-768x576.jpg 768w, https:\/\/murban-voices.mur.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20200725_173322-1.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure><\/li><\/ul><\/figure>\n\n\n\n<p>Und weg damit. \u00dcber den Gebirgskamm dr\u00fcber und weg damit. Einatmen. Ausatmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich den \u00dcbergang hinter mir hatte und die Last und die Trauer symbolisch von mir weg in das fremde Tal geschickt hatte, da ver\u00e4nderte sich auch die Stimmung auf dem Weg. Die Berggeister feierten die Reinigung meiner Seele, pusteten in die Wolken aus Leibeskr\u00e4ften, bis schlie\u00dflich die Sonne sich zu mir gesellte und mir einen Blick bot, der lohnender und heilender nicht h\u00e4tte sein k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor mir t\u00fcrmte sich ein Gletscher auf, der Maurer-Kees, in all seiner wei\u00dfen Pracht, sich majest\u00e4tisch abzeichnend vor dem strahlend blauen Himmel. Neben dem Pfad  vor meinen F\u00fc\u00dfen erstreckten sich satte gr\u00fcne Bergwiesen, die durchzogen waren von Blumen in den verschiedensten Formen und Farben. Es ert\u00f6nten schrille Pfiffe und in der Ferne sah ich, wie die Murmeltiere vor mir in ihre Bauten fl\u00fcchteten, zu laut die ersch\u00f6pften Schritte meiner Bergschuhe, zu klappernd der Atem. Zwischen K\u00fchen und deren Glockengel\u00e4ut fand ich vierbl\u00e4ttrigen Klee. Meine Beine wollten kaum noch, aber ich setzte einen Fu\u00df vor den anderen. Und da war sie dann auch: die Warnsdorfer H\u00fctte! So gut geschlafen wie in dieser Nacht hatte ich davor schon lange nicht mehr &#8230; und viele neue T\u00fcren taten sich auf. T\u00fcren, die mir zeigten, dass ich auf dem richtigen Weg war. Es war geschafft, ich hatte Abschied genommen. Nun musste ich nur noch Vergebung finden. Das wurde noch einmal ein sehr langer und beschwerlicher Weg. Aber das ist eine andere Geschichte, und die soll ein andermal erz\u00e4hlt werden&#8230; <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1365\" src=\"https:\/\/murban-voices.mur.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20200726_092056-1024x1365.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1594\" srcset=\"https:\/\/murban-voices.mur.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20200726_092056-1024x1365.jpg 1024w, https:\/\/murban-voices.mur.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20200726_092056-300x400.jpg 300w, https:\/\/murban-voices.mur.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20200726_092056-768x1024.jpg 768w, https:\/\/murban-voices.mur.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20200726_092056-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/murban-voices.mur.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/20200726_092056-rotated.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von der Birnl\u00fccke zur Warnsdorferh\u00fctte Der \u00dcbergang von der einen Welt in die andere ist immer schwer. \u00dcberzugehen bedeutet erinnern. 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